Altersnöte. Hilf Dir selbst, sonst...

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Die Geschichte von Kutschers steht exemplarisch für die Missstände in deutschen Pflegeheimen und der Versorgung alter Menschen. Von der mutigen Odysee über Krankenhaus, Reha, Kurzzeitpflege, Pflegeheim und dem Frieden im eigenen Heim.

Im folgenden Interview stellen wir die Bestandsaufnahme der Vorfälle dar, wie sie sich laut Frau Kutscher zugetragen haben. Ihr eigener Name steht recht schaffend in der Öffentlichkeit. Die Namen der Orte, Ärzte und Pfleger wurden wir gebeten nicht zu veröffentlichen, da man auch Drohungen ausgesprochen habe. Die Aufnahme fand in der kürzlich bezogenen Wohnung des Ehepaars statt. Das Interview mit Recherche bei der Krankenkasse ist unter www.salve-gesund.de Rubrik „Videos“ zu sehen. Hier stellen wir Ihnen die Zusammenfassung sinnerhaltend vor:

Redaktion: Frau Kutscher, Ihr Mann hat Anfang diesen Jahres einen Schlaganfall erlitten. Was ist genau vorgefallen? Wie haben Sie reagiert?

Frau Kutscher: Mir ist aufgefallen, dass er immer schlechter Laufen konnte, weswegen wir auch des öfteren unseren Hausarzt angesprochen haben. Das wurde immer schlimmer, bis er am 20. März nicht mehr Laufen konnte. Der verständigte Notdienst nahm ihn mit ins Krankenhaus, da sich ein Schlaganfall hätte entwickeln können. Mein Mann ist sogar noch die Treppe runtergelaufen und der Arzt fragte, ob er schon immer so schlecht Laufen könne. Am selben Abend hat sich dann langsam die Lähmung entwickelt.

Redaktion: Können Sie uns sagen, welche Untersuchung und welche Behandlung er dort bekommen hat?

Frau Kutscher: Zuerst Infusionen, Medikamente... Gleichzeitig habe ich beobachtet, dass er einen dicken Fuß entwickelte. Als dann auch der linke Arm anschwoll, kam eine Krankenschwester und hat bandagiert. Die Bandagen habe ich selbst wieder entfernt, da Arm und Bein in keinem guten Zustand waren. Zudem hatte sich dann eine offene Wunde am Bein entwickelt und er hatte eine fürchterliche Bronchitis. Alles in den 10 Tagen Krankenhaus. Und es passierte diesbezüglich rein gar nichts!

Redaktion: Hat man denn eine ordentliche Diagnose gestellt, auf deren Basis behandelt wurde?

Frau Kutscher: Ich selbst habe es arrangiert, einen Arzt aufzusuchen. Der hat mir gleich meine Vermutung in Bezug auf die Bandagen bestätigt. Bei Durchblutungsstörungen ist das Anlegen ein Fehler. Während der ganzen Zeit hatte ich immer das Gefühl „außen vor“ zu sein. Ich mußte immer alles erfragen. Wo der Schlaganfall nun letztendlich hergekommen ist, hat man nicht feststellen können - ich weiß es nicht. In der Reha habe ich festgestellt, dass sie ihm Schlaftabletten gegeben
haben, weil ich die Packung entdeckt habe. Das macht man doch nicht! Nur um die Leute ruhig zu stellen. Als dann Haldol dazu kam, war ich auf 180 und wollte sofort den Chefarzt sprechen. Ich fragte, ob er das angeordnet habe? Er sieht doch meinen Mann gar nicht. Er hört doch nur, was die Pfleger sagen. Weil die Schwestern nachts keine Zeit haben meinen Mann zu versorgen, wird er ruhig gestellt. Da sagt der zu mir, wenn ich draußen die Reha schlecht mache, ginge er gerichtlich gegen mich vor! Ich habe ihm gesagt, dass ich meinen Mann sofort mit nach Hause nehme.

Redaktion: Als Sie beschlossen haben zu gehen, wie war der weitere Verlauf? Was ist weiter passiert?

Frau Kutscher: Tja, der Doktor hat die Papiere fertig gemacht und ich habe meinen Mann so mit nach Hause genommen. Ich hatte keinen Rollstuhl, keinen Toilettenstuhl... Ich hatte meinen Mann, aber sonst nichts. Ich war mir der Tragweite  meiner Entscheidung bewußt. Aber dort lassen wollte ich ihn keine Sekunde. Gott sei gelobt, es hat dann auch irgendwie geklappt.

Redaktion: Was war dann?

Frau Kutscher: Die Kurzzeitpflege.

Redaktion: Wie war es dort?

Frau Kutscher: Das kam zustande, da meine Kinder gesehen haben, dass ich mit den Kräften am Ende war. Zum Glück, muss man auch sagen, war ich dann erst mal entlastet. Insgesamt waren diese vier Wochen gut. Und dann kam die Aufnahme ins Pflegeheim.

Redaktion: Im Vorfeld haben Sie uns schon von den Misständen im Heim berichtet, so dass Sie sogar Tagebuch darüber geführt haben. Was lief denn da nicht so rund in Ihren Augen?

Frau Kutscher: Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass auf die Bedürfnisse meines Mannes gar nicht eingegangen wurde. Z.B. war die Halterung an der Wand viel zu hoch. Er konnte nicht frei aufstehen. Dann, kein erhöhter Toilettensitz... Es fehlte wirklich an allem! Und dann die Urinflasche, die war... uahhh... eklig! Ekelhaft dreckig. Es hat geheißen, diesei desinfiziert worden. Da bin ich zur Hauswirtschaftsleitung und hab sie mal vor‘s Licht gehalten. Da sagt die: Igitt!

Redaktion: Und Sie waren die ganze Zeit über an der Seite Ihres Mannes?

Frau Kutscher: Ja. Anfangs in der Kurzzeitpflege ging‘s noch alle zwei Tage. Da war‘s auch noch sauber. Aber dann... Ich mußte mich ja um alles kümmern. Ich bin zur Pflegedienstleitung und zum Hausmeister. Ich habe auch dafür gesorgt, dass mein Mann Therapien bekommt. Sonst wäre er bis heute im Heim, ohne dass sich eine Menschenseele um ihn gekümmert hätte. Obwohl der Arzt den dicken Arm gesehen hat, wurde kein Rezept ausgestellt. Der Arzt sagte wort-wörtlich: Ich kann kein Rezept ausstellen, weil ich ein überzogenes Budget habe.

Redaktion: Wie war der Umgang mit den Patienten?

Frau Kutscher: Patienten kann man nicht sagen. Das sind alles Bewohner. Und der Umgang war für meine Begriffe nicht gut! Ich war auch öfter beim Heimleiter und habe mit ihm darüber geredet. Sein Personal säuselt ihm ins Ohr, was er gerade hören soll, aber die Tatsachen sehen anders aus.

Redaktion: Gab‘s denn spezielle Fälle?

Frau Kutscher: Im Frühstücksraum war ein Mann mit schwerer Demenz. Der saß auf dem Stuhl und rutsche immer weiter nach unten, mit dem Kopf auf den Tisch. Und der Stuhl rutschte immer weiter nach hinten. Die Frühstücksdame war nicht bereit das Pflegepersonal zu holen. Der selbe Mann hatte seine Finger in der Türe... Eine andere Dame irrte mitternachts draußen umher und auf meinen Hinweis wurde mir gesagt, die liegt im Bett. Nur nichts tun wollen... Mit meinem Mann habe ich einmal drei Stunden gewartet, bis eine Pfl egeperson kam. Für die Gesundheit meines Mannes wurde im Pflegeheim gar nichts getan. Ich bin der Auffassung, wenn ich nicht an seiner Seite gestanden hätte, dann wäre der Mann dort wirklich eingegangen. Der wär unterversorgt gewesen. Mit 1000%iger Sicherheit!

Redaktion: Als Sie das festgestellt haben, wie war Ihre Reaktion, bzw. welchen Entschluss haben Sie daraufhin gefasst?

Frau Kutscher: Nach etlichen Konfliktenhat‘s mir gereicht und ich hab gesagt, ich geh wieder.

Redaktion: Wohin?

Frau Kutscher: Ja, hier - unser Heim. Denn was die dort machen, kann ich besser Zuhause selber machen. Und hier bin ich zufrieden. Ich habe Unterstützung von vielen Seiten.

Redaktion: Gab es hier Widerstand zu bewältigen?

Frau Kutscher: Nein. Das haben die sofort akzeptiert. Im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass sie froh waren, mich los zu sein, weil ich denen zu sehr auf die Finger geschaut habe. Ich habe beim Landratsamt angerufen und um eine barrierefreie Wohnung gebeten. Ich bin dann per Autostopp hin und zurück.

Redaktion: Was hat sich jetzt für Sie und Ihren Mann geändert? Wie ist sein Gesundheitszustand jetzt?

Herr Kutscher: Gut. Naja, fast gut. Es gibt Hindernisse. Ich brauche noch weitere Behandlung, damit es sich nicht wiederholt.

Frau Kutscher: Klar. Im Vergleich ist es ein riesengroßer Unterschied. Im Heim hat er ja fast permanent geschlafen. Es hat sich vieles verbessert. Auch die Wundheilung. Wenn Sie sich den Fuß angucken: Superspitze! Und das in vier Wochen. Die
Lebensqualität ist gestiegen. Mir geht es gut damit. Mit dem Geld der Krankenkasse hole ich mir jetzt die notwendige Unterstützung.

Redaktion: Haben Sie Tipps für Menschen in Ihrer Lage?

Frau Kutscher: Wenn jemand ins Heim muss und es nicht anders geht, sollten die Angehörigen nach dem Rechten sehen, so oft es geht! Man muss dahinter stehen.

Redaktion: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute und viel Kraft! Abschließend möchten wir noch die Auskunft der „Barmer“ anhängen. Unsere Anfrage bei der „AOK“ wurde abgewiesen.
Allgemeines Procedere: Angehörige des Pflegebedürftigen wenden sich an dessen Krankenkasse und stellen einen Antrag auf Pfl egeleistung. Daraufhin wird ein Gutachten zur Feststellung der Pflegestufe (1-3) erhoben. Daran orientiert sich die Geldleistung. Die Auszahlung erfolgt von der Pflegekasse, die bundesweit geregelt ist. Es gibt nur eine Pflegekasse, die bei den Krankenkassen angesiedelt ist. Die sog. Pflegesatzvereinbarung ist so angelegt, dass sie dem zu Pflegenden zu Gute kommt. Die Pflegeheime haben die Aufgabe, das Geld optimal zu verwenden. Auf unsere Anfrage zu den unterschiedlichen Leistungen von Pflegeheim zu Pflege zu Hause (ca. 2700,-€ zu 525,-€ i.d.F.), bekamen wir folgende Auskunft:
Ein Pflegeheim ist deutlich teurer. Zur Sicherstellung der gleichen Pflegeleistung müssen Heime mehr Geld erhalten. Es soll kein Grund vorhanden sein einen Angehörigen ins Heim zu stecken, um bessere Pflege zu bekommen. Die Pflegekasse ist keine Vollkasko, sondern eine Zuschußversicherung. Das war immer schon bewußt, dass man damit die Leistung nie komplett abdecken kann. Es besteht die Möglichkeit per Antrag weitere Hilfeleistungen zu beziehen.

Ein weiterer Tipp: Informieren Sie sich bei Ihrer Kasse möglichst hartnäckig!

©2022 Hans Christian Hinne. Gestaltet mit

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